Chinesisches Neujahr und das Frühlingsfest

Der Beginn des Jahres

Das chinesische Neujahr beginnt am ersten Tag des ersten Mondmonats. Das auch Frühlingsfest oder Chunjie (春节) genannte Fest bringt Familien zum gemeinsamen Essen am Vorabend des Neujahrs zusammen und setzt sich mit Grüßen, Geschenken, Besuchen und öffentlichen Feierlichkeiten über den Familienkreis hinaus fort. Die Vorbereitungen beginnen in den letzten Wochen des alten Jahres; die traditionelle Festzeit endet mit dem Laternenfest am fünfzehnten Tag des neuen Jahres.

Der chinesische Kalender ist lunisolar: Seine Monate folgen dem Mond, während Schaltmonate das Jahr mit den Jahreszeiten in Einklang halten. Neujahr fällt deshalb auf wechselnde Tage im Januar und Februar und nicht auf ein festes gregorianisches Datum. Es ist von Lichun, dem Jahresabschnitt Frühlingsanfang, zu unterscheiden. Der Vorabend des Neujahrs ist der letzte Tag des vorausgehenden chinesischen Jahres; dies kann der neunundzwanzigste oder dreißigste Tag seines letzten Monats sein.

Wie sich das Fest entwickelte

Das Fest entstand aus Bräuchen, die sich zum Jahresende und Jahresbeginn ansammelten: dem Dank für Nahrung und Schutz, der Verehrung der Ahnen, der Vertreibung schädlicher Einflüsse und der Begrüßung eines neuen landwirtschaftlichen Jahreskreislaufs. Die frühen chinesischen Staaten begannen ihre Jahre nicht alle im selben Monat. Die Kalenderreform von 104 v. Chr. unter Kaiser Wu der Han legte den ersten Frühlingsmonat als Jahresbeginn fest. Diese Ordnung wurde zur vorherrschenden Grundlage späterer Neujahrsbräuche.

In den folgenden Jahrhunderten trugen höfische Zeremonien, häusliche Verehrungspraktiken und volkstümliche Vergnügungen jeweils eigene Bestandteile bei. Schutzvorkehrungen an Hauseingängen, das Wachbleiben am Vorabend und förmliche Neujahrsgrüße haben eine lange Geschichte; gedruckte Bilder, Spruchpaare auf Papier sowie immer aufwendigere Märkte und Unterhaltungsangebote bereicherten den festlichen Rahmen. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert trug die Einführung des gregorianischen Kalenders für den bürgerlichen Gebrauch dazu bei, die Bezeichnung Frühlingsfest zur Unterscheidung des traditionellen Neujahrs vom 1. Januar zu etablieren.

Die bekannte Nian-Geschichte erklärt das Fest auf dramatische Weise. In einer verbreiteten Fassung greift ein wildes Wesen zum Jahreswechsel ein Dorf an. Die Menschen entdecken, dass es sich vor Rot, hellem Licht und lautem Lärm fürchtet. Sie bringen rote Dekorationen an, erhellen ihre Häuser und veranstalten einen ungeheuren Krach, um es zu vertreiben. Nachdem sie überlebt haben, begrüßen und beglückwünschen sich die Nachbarn. Die Geschichte verbindet mehrere bekannte Bräuche, ist jedoch eine Sage über das Fest und kein belegtes Ereignis seiner Entstehung.

Das Zuhause vorbereiten

Das Putzen vor Neujahr beseitigt den Staub des alten Jahres und schafft sinnbildlich Platz für Glück. Einkäufe und die Zubereitung von Speisen versorgen sowohl Gäste als auch den eigenen Haushalt. Neue Kleidung, Blumen der Saison und frische Dekorationen machen den Jahreswechsel sichtbar.

Frühlingsspruchpaare bestehen aus zwei aufeinander bezogenen Zeilen glückverheißender Schrift, die beiderseits eines Hauseingangs angebracht werden, meist mit einer kürzeren Inschrift darüber. Rote Scherenschnitte, Bilder von Türgöttern und das Schriftzeichen fu, das Segen oder Glück bedeutet, drücken Wünsche nach Schutz und Wohlstand aus. Ihre Bildsprache beruht häufig auf Wortspielen: Eine Pflanze, ein Tier oder ein Gegenstand kann einen Segenswunsch andeuten, weil sein Name einem glückverheißenden Ausdruck ähnelt.

In Haushalten, die den Herdgott verehren, gehört zum letzten Monat auch eine Abschiedsgabe vor seiner traditionellen Reise in den Himmel, wo er über das Verhalten der Familie berichtet. Süße Gaben drücken die Hoffnung auf einen günstigen Bericht aus. Dies ist ein Teil der umfassenderen Aufgabe, den Haushalt vor dem neuen Jahr in Ordnung zu bringen.

Das gemeinsame Familienessen und seine Speisen

Im Mittelpunkt des Vorabends steht ein gemeinsames Abendessen, das häufig mehrere Generationen an einem Tisch vereint. Ihm können Ahnengaben vorausgehen, mit denen jener Generationen gedacht wird, deren Arbeit den Haushalt ermöglicht hat. Nach dem Essen verlängert shousui (守岁), das Wachen über das vergehende Jahr, die Zusammenkunft bis in die Nacht.

Die Speisenauswahl spiegelt die regionale Küche wider, doch bestimmte Gerichte tragen weithin bekannte Wünsche. Fisch steht für Überfluss, weil das Mandarinwort yu wie das Wort für Überschuss klingt. Ein ganzer Fisch kann daher die Hoffnung ausdrücken, dass der Haushalt im kommenden Jahr mehr als genug haben wird.

In Nordchina sind jiaozi besonders wichtig. Diese gefüllten Teigtaschen aus Weizenteig werden mitunter am Vorabend gemeinsam zubereitet und um den Jahreswechsel gegessen. Ihre Ähnlichkeit mit alten Metallbarren verbindet sie mit Reichtum. Im Süden sind Traditionen rund um Reis besonders ausgeprägt: Niangao, der Neujahrsreiskuchen, erinnert durch den Klang seines Namens an Aufstieg oder Fortschritt Jahr für Jahr. Tangyuan, runde Klebreisbällchen, drücken in manchen Haushalten und bei späteren Zusammenkünften während der Festzeit Zusammengehörigkeit aus.

Besuche, Segenswünsche und das Ende der Festzeit

Die ersten Tage sind die Zeit des bainian, des Überbringens von Neujahrsgrüßen. Jüngere Verwandte grüßen die Älteren, Gastgeber empfangen Besucher mit Tee und Erfrischungen, und Familien erneuern Verbindungen über das eigene Zuhause hinaus. Je nach Empfänger können die Wünsche Gesundheit, ein langes Leben, Wohlstand, Lernen oder Arbeit betreffen.

Rote Umschläge mit Geld begleiten diese Segenswünsche, insbesondere als Geschenke von Älteren an Kinder. Die Geste verbindet praktische Großzügigkeit mit dem Wunsch nach Schutz und Glück. Wer wem etwas schenkt, richtet sich nach den Gepflogenheiten der Familie und der Gemeinschaft.

Öffentliche Feierlichkeiten bieten eine andere Form des Zusammenkommens. Löwentänze, bei denen Darsteller ein Löwenkostüm zum Leben erwecken, und Drachentänze, bei denen eine Gruppe einen langen Drachen auf Stangen trägt, erfüllen Straßen und Höfe mit aufeinander abgestimmten Bewegungen und Schlaginstrumenten. Tempelfeste verbinden Gebete, Einkäufe, Essen und Unterhaltung. Knallkörper und Feuerwerk gehören dort, wo ihre Verwendung gestattet ist, zur vertrauten Geräuschkulisse des Festes.

Mit den Besuchen und gemeinschaftlichen Feiern nach dem Familienabend verändert die Festzeit ihren Rhythmus. Das Laternenfest schließt sie mit abendlichen Lichtern und gemeinsam verzehrten Reisbällchen ab. Dieser traditionelle Zeitraum von fünfzehn Tagen ist länger als viele offizielle Feiertagsperioden: Die arbeitsfreien Tage werden in den jeweiligen Gebieten gesondert festgelegt.

1–2100 n. Chr.

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